Rezension zu diesem Buch von Tochter Alice bei Lovely Books.

Das Buch ist im Marmilin Verlag erschienen

Diese Anthologie präsentiert eine Sammlung von Geschichten und Gedichten zum zweiten Weltkrieg, Produkte zeitgenössischer Autorinnen und Autoren, die nur in den seltensten Fällen eigene Eindrücke, sondern meist die von älteren Verwandten, Vätern und Großvätern zum Beispiel, aber auch von der weiblichen Verwandtschaft verarbeiten, deren Erinnerungen also. Eindrucksvoll und abwechslungsreich, so reihen sich hier die Beiträge aneinander. Auch die Themen variieren: so geht es um die Front, um Besetzung, um Flucht, aber auch um Lustiges, wie bspw. in den kleinen, rheinisch geprägten Geschichtchen von Annelie Heyer oder auch vor allem in der Erzählung "Herr Klaps und der Krieg" von Maria Kowaljow: auch hier sind die heiteren Elemente nur mittelbar, man spürt die Atmosphäre des Grauens dahinter.
Doch meist geht es sehr viel bedrückender zu, gerade auch in den Episoden, die aus weiblicher Sicht geschrieben sind und oft Punkte wie Vertreibung, Flucht, oder Mißhandlung ansprechen. Eindrucksvoll das Gedicht "Hochzeit 1945" von Christine Hammes, das Ausgeliefertsein, Hilflosigkeit, aber auch Hoffnung zum Ausdruck bringt. Auch "Das Grauen überlebt... eisige Nächte im Krieg" von Valerie le Fiery fand ich trotz der sehr schlichten Sprache sehr ergreifend. Und natürlich sind die persönlichen Erlebnisse, wie die von Dora Fries aus Essen zum Kriegsende ausgesprochen berührend.
Aber leider gibt es auch Abweichungen nach unten: so sind zum Beispiel abgesehen von dem obengenannten die restlichen Gedichte aus meiner Sicht nicht gelungen - zumindest haben sie mich nicht berührt, mir auch keine Eindrücke vermittelt.
Auch einige der Prosatexte wie "Mein Kamenz in Schlesien" von Manuel Magiera fand ich inhaltlich zwar interessant, jedoch sprachlich nicht gelungen. Und bei "Flucht in die Leere" von Martina Laurenz habe ich mich richtig geärgert: sie transportiert aus meiner Sicht eine unzutreffende, weil beschönigende Sicht des Mitläufertums in Nazideutschland (S. 143).

Insgesamt jedoch eine beeindruckende Präsentation verschiedener Erlebnisse, Sichtweisen und Darstellungen einer schweren Zeit, die nie vergessen werden soll - Auszüge davon sind sicher auch für den Schulunterricht bestens geeignet!

 

Zu der Rezension von „Tochter Alice“ bei Lovely Books  zu „Leben im Angesicht des Todes“, Anthologie, aus dem Marmilin Verlag

 

Mit Ärgernis habe ich festgestellt, dass die Kriegserlebnisse meines Vaters, die ich im Aufsatz „Mein Kamenz in Schlesien“ der o.a. Anthologie zur Verfügung gestellt hatte, in der o.a. Rezension als sprachlich misslungen kritisiert wurde. Natürlich sollte ein Text nicht zu viele Schreib- und Zeichensetzungsfehler enthalten und einigermaßen lesbar sein. Das ist meines Wissens aber auch bei mir der Fall, denn der Aufsatz wurde vom Verlag  lektoriert. Ich war deshalb davon ausgegangen, dass er die Anforderungen einer Veröffentlichung erfüllt.

 

Es handelt sich bei dem Text zudem nicht um eine ausgedachte Geschichte, sondern um auf wahren Tatsachen beruhende Erlebnisse, also autobiographische Ereignisse, die mir mein Vater kurz vor seinem Tod erzählt hat. Ich habe mich bemüht, seine Schilderungen, die das furchtbare Grauen dieser Zeit widerspiegeln und uns Nachgeborene fassungslos und sprachlos zurücklassen, ungeschönt und authentisch mit seinen eigenen Worten und unverfälscht wiederzugeben. Ich wollte das wertvolle Wissen um Geschehnisse aus der persönlichen Umgebung  eines Zeitzeugen für die Nachwelt erhalten. Mein Vater meldete sich mit siebzehn Jahren freiwillig zum Kriegsdienst, kam an die Ostfront und kehrte als einer von siebzehn Überlebenden seiner Einheit halb verhungert und psychisch traumatisiert zurück. Auch meine Mutter hatte unter dem NS-Regime zu leiden. Sie musste mit sechzehn Jahren in ein Straflager, weil ihr Vater sie nicht zum Reichsarbeitsdienst ließ.  Die Auswirkungen von Leben und Erziehung im Dritten Reich konnte ich aus erster Hand  durch Erzählungen meiner Eltern erfahren.
Persönliche Erlebnisberichte einfacher Menschen sind in der Regel sprachlich nicht perfekt. Die sprachlichen Fähigkeiten zu kritisieren, den Text aber als „inhaltlich interessant“ zu bezeichnen, wird den Schicksalen der dahinter stehenden Menschen nicht gerecht. Es geht hier ja nicht um Literatur, sondern um die Erinnerung an eine Elterngeneration, die Grausamkeiten erlebt hat, von denen wir uns heute gar keine Vorstellungen machen können. Und ich bezweifle, das sich Leser, die, wie ich in ein friedliches und freies Deutschland mitsamt Wirtschaftswunder hineingeboren wurden, ernsthaft vorstellen können, unter dem Nazi-Regime zufrieden gelebt zu haben.
Auch wenn diese Rezension nur die persönliche Meinung der Dame zum Ausdruck bringt und alles in allem auch versucht wurde, die Gefühle der Autoren und ihrer zum Teil verstorbenen Angehörigen zu achten, bleibt ein Verlag, der Rezensionen abdruckt,  bei derartig sensiblen Lebensberichten in der Verpflichtung. Gerade durch das zunehmende Erstarken rechter Ideologie in unserem Land, sollten wir alle wachsam bleiben und unsere Meinung nur auf die Inhalte einer Autobiographie aus der Zeit beschränken, in der es dieselbe Ideologie ermöglichte, die Völker der Erde in den Abgrund zu stürzen. Ansonsten wird man wohl auch kaum noch jemand aus dem einfachen Volk finden, der bereitwillig sein Wissen und seine Erlebnisse zur Veröffentlichung zur Verfügung stellt.
Ich hätte mir deshalb einen kleinen Zusatz der Distanz seitens des Verlages zu Rezensionen, ähnlich wie es bei Leserbriefen in Zeitungen geschieht, an sichtbarer Stelle von Ihnen gewünscht. 

Bemerkung des Georg von Toyberg in eigener Sache: Der Eigner des Verlags, Helmfried Protsch, bedauert die Rezension ungeprüft übernommen zu haben, auch weil sie zu diesem Zeitpunkt verknüpft war mit der Autorin Christine Hammes, diese aber nicht betroffen, sondern das ganze Buch.

Aus diesem Grund hat der Eigner nun die Mitteilung des Betroffenen Manuel Magiera hinzugefügt. Er ist der Auffassung, dass die Deutschen gut beeraten sind, diese fürchterliche Tragödie des zweiten Weltkrieges und seines menschenverachtenden Regimes gerade in unserer derzeitigen kriegerischen Zeit nicht zu vergessen, denn bereits mit dem ersten Weltkrieg begann die Zeit moderner Kriegsführung und schlimmer noch der damit verbundenen NICHT-Achtung des Menschen und des Lebens grundsätzlich. Dieses Buch Leben im Angesicht des Todes markiert eine der furchtbarsten Zeiten Deutschlands.

Christine Hammes

 

ist in der obigen Anthologie:

 

LEBEN IM ANGESICHT DES TODES

 

mit ihrem Gedicht

 

HOCHZEIT 1945

 

vertreten.

literaturkritik.de

Die Zeitschrift literaturkritik.de (Online-Ausgabe: ISSN 1437-9317; Print-Ausgabe: ISSN 1437-9309) ist ein monatlich erscheinendes Rezensionsforum für Literatur und für Kulturwissenschaften

Bastian Geiken: Sommer hat gelogen. Gedichte.

Georg von Toyberg Verlag, München 2015.

118 Seiten, 11,00 EUR.
ISBN-13: 9783942744195

 

Zwischen Popmusik und Poesie

 

Der Slam-Poet Bastian Geiken hat seinen ersten Gedichtband veröffentlicht

 

 

Von Thorsten Schulte

 

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

 

Den Titel Sommer hat gelogen trägt nicht nur der erste Gedichtband von Bastian Geiken, sondern auch das erste darin zu findende Gedicht. Es ist das einzige, das keinem der drei Kapitel des Buches zugeordnet ist. Es steht dem Werk voran und ist Erklärung, Rechtfertigung und Kritik zugleich. Geiken bezeichnet seine Arbeit als „Versuch, ein paar Gedankengänge auszuformulieren“ und „ein paar gute Fragen zu stellen“. Er behauptet: „Sie werden nichts finden, was Sie nicht auch kennen/ Ich war nur mal so gut und hab es Ihnen aufgeschrieben“. Aus Langeweile habe er nach Feierabend vom Dach aus andere Menschen beobachtet und dabei „Einsame, Verrückte, Menschinen und Misantropen“ gesehen. Diese Oberflächlichkeit seiner Beobachtungen ist die Kritik, die der Autor von der ersten Zeile an provoziert und provozieren will.

 

Seine Gedichte zeichnen ein Bild der modernen Großstadt, in deren geschäftigem Treiben der Einzelne in der Masse verschwindet und sich jeder nur beeilt, von der Arbeit in den Feierabend und wieder an den Arbeitsplatz zu kommen: „Eine Stadt voller Fremder, in der man höflich Distanz wahrt“. Und doch: „Alleinsein ist schwer in dieser Zeit“. Nachts liegen Einsame wach, manchmal in fremden Betten, lauschen in die Dunkelheit und fragen sich: „Etwas brennt in mir und hält mich wach – Was ist es nur?“ Die rastlose Unruhe stets verplanter Menschen, die sich auf der Suche befinden, ohne ein Ziel zu kennen, schlägt sich in stakkatohaften Gedankenströmen nieder. Geiken schreibt über die Grenzen im Kopf, „die doch jeder selbst einrichtet“, darüber, wie der Glauben an sich selbst verloren geht. Im „Gespräch mit einer Obdachlosen“ erkennt der Leser, dass diese eine Freiheit für sich beanspruchen kann, die er nicht erreichen kann. Denn sie verfügt über Zeit – im Gegensatz zu den möglichst perfekt funktionierenden Arbeitern; die „Menschinen“ verteidigen in Geikens Gedichten ihren Wohlstand „schlicht, indem sie sich draufsetzen“.

 

Der Slam-Poet appelliert in einfacher und schnell zugänglicher Sprache an sein Publikum, Raum zu suchen für etwas Muße und neue Ideen – „verbringen wir Zeit miteinander“, „lasst uns doch etwas Nähe wagen“, ruft er seinen Lesern entgegen. Seine romantischen Botschaften sind ebenso unverstellt und klar wie seine politischen, tagesaktuellen Forderungen. Voller Ironie („Was die Mehrheit macht, ist immer vernünftig“) und mit unbändiger Energie schleudert uns der Autor seine Thesen entgegen: Auf „Fünf vor“ stehe die Uhr unserer Gesellschaft. Für Olympia werden „Straßen und Hotels erbaut/ die danach niemand mehr braucht“. Das olympische Feuer sollte in die Slums von Rio getragen werden. Wir feierten „70 Jahre Frieden in Europa“, leben im „Google-Land“ und freuen uns darüber, dass wir keine Grenzen mehr sehen. Dabei gebe es die Grenze „zwischen oben und unten“. Ein wenig Rebellion wagt er: „Machen wir noch heute mobil, keiner soll nur zusehen!“ Die Armut müsse unser neues Feindbild sein, gegen das in die Schlacht gezogen werden sollte. Es könne doch niemand seine Augen verschließen: „würde es nicht überall brodeln, wäre schon seltsam“.

 

Seltsam mutet zunächst auch die auffällig unvollkommene Form der Gedichte an. Unreine Reime sind in die Verse gestreut. Diese sowie ungewöhnliche Satzstellungen, Einschübe und Ausrufe ohne Angst vor vulgären Ausdrücken („Hör auf klugzuscheißen!“) erklären sich vornehmlich über den notwendigen Rhythmus der Verse. Bastian Geiken schreibt Gedichte für die Bühne. Es sind musikalische Gedichte, deren Klaviatur vom langsamen Blues bis zum aggressiven Rap reicht. Leicht sind die Bezüge zur aktuellen deutschsprachigen Musik zu erkennen – von Peter Fox bis Philipp Poisel. Der „Stadtaffe“ von Peter Fox findet sogar Erwähnung im Gedichtband. Diese Gedichte bedürfen des Vortrags, in dem sich die Musikalität erst vollends erschließt und die mangelhafte Oberflächenästhetik vom Schauspiel überdeckt wird. Es kann sogar behauptet werden: Die Form orientiert sich am Vortrag! Deswegen erregen die Gedichte zwangsweise Lust auf den nächsten Auftritt von Geiken, der seit Jahren unermüdlich unterwegs ist und seine Texte auf Poetry-Slams vorträgt.

 

Die Lust am Lesen hingegen wird auch von der unharmonischen Typografie des Bandes geschmälert. Eng stehen die Gedichte beieinander, nur zwei leere Zeilen werden dem Sprung zum nächsten Gedicht zugestanden. Kein Platz wird vergeudet. Sogar kurz vor dem Ende einer Seite beginnt ein neues Gedicht, sodass der Text mitten in der Strophe auf die nächste Seite umbricht. Solche Einschnitte mitten in der inneren Einheit erwecken den Eindruck, dass das Ziel des Drucks war, möglichst viele Texte (109!) in einen engen Raum zu pressen. Wegen des viel zu kleinen Bundstegs sind die Gedichte nur ohne Anstrengung zu lesen, wenn man die Buchseiten beim Lesen kräftig auseinanderpresst. Ohne das Buch zu knicken, können die Zeilen der Gedichte nicht komplett gelesen werden.

 

Bastian Geiken wäre gut beraten gewesen, die Anzahl der Texte einzugrenzen. Da sich die Themen ohnehin wiederholen, ohne wesentlich neue Aspekte anzusprechen, hätte eine mutige Auswahl den Eindruck eines Repetitionsverfahrens verhindert. Und auch wenn die spontane und kreative Atmosphäre eines Poetry-Slams kaum in einem Gedichtband nachvollzogen werden kann: Sommer hat gelogen verdeutlicht immerhin, wie die moderne Lyrik der Poetry-Slammer die Kluft zwischen Poesie und Popmusik zu schließen vermag.

 
   

Georg von Toyberg Verlag

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