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Die Zeitschrift literaturkritik.de (Online-Ausgabe: ISSN 1437-9317; Print-Ausgabe: ISSN 1437-9309) ist ein monatlich erscheinendes Rezensionsforum für Literatur und für Kulturwissenschaften

Bastian Geiken: Sommer hat gelogen. Gedichte.

Georg von Toyberg Verlag, München 2015.

118 Seiten, 11,00 EUR.
ISBN-13: 9783942744195

 

Zwischen Popmusik und Poesie

 

Der Slam-Poet Bastian Geiken hat seinen ersten Gedichtband veröffentlicht

 

 

Von Thorsten Schulte

 

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

 

Den Titel Sommer hat gelogen trägt nicht nur der erste Gedichtband von Bastian Geiken, sondern auch das erste darin zu findende Gedicht. Es ist das einzige, das keinem der drei Kapitel des Buches zugeordnet ist. Es steht dem Werk voran und ist Erklärung, Rechtfertigung und Kritik zugleich. Geiken bezeichnet seine Arbeit als „Versuch, ein paar Gedankengänge auszuformulieren“ und „ein paar gute Fragen zu stellen“. Er behauptet: „Sie werden nichts finden, was Sie nicht auch kennen/ Ich war nur mal so gut und hab es Ihnen aufgeschrieben“. Aus Langeweile habe er nach Feierabend vom Dach aus andere Menschen beobachtet und dabei „Einsame, Verrückte, Menschinen und Misantropen“ gesehen. Diese Oberflächlichkeit seiner Beobachtungen ist die Kritik, die der Autor von der ersten Zeile an provoziert und provozieren will.

 

Seine Gedichte zeichnen ein Bild der modernen Großstadt, in deren geschäftigem Treiben der Einzelne in der Masse verschwindet und sich jeder nur beeilt, von der Arbeit in den Feierabend und wieder an den Arbeitsplatz zu kommen: „Eine Stadt voller Fremder, in der man höflich Distanz wahrt“. Und doch: „Alleinsein ist schwer in dieser Zeit“. Nachts liegen Einsame wach, manchmal in fremden Betten, lauschen in die Dunkelheit und fragen sich: „Etwas brennt in mir und hält mich wach – Was ist es nur?“ Die rastlose Unruhe stets verplanter Menschen, die sich auf der Suche befinden, ohne ein Ziel zu kennen, schlägt sich in stakkatohaften Gedankenströmen nieder. Geiken schreibt über die Grenzen im Kopf, „die doch jeder selbst einrichtet“, darüber, wie der Glauben an sich selbst verloren geht. Im „Gespräch mit einer Obdachlosen“ erkennt der Leser, dass diese eine Freiheit für sich beanspruchen kann, die er nicht erreichen kann. Denn sie verfügt über Zeit – im Gegensatz zu den möglichst perfekt funktionierenden Arbeitern; die „Menschinen“ verteidigen in Geikens Gedichten ihren Wohlstand „schlicht, indem sie sich draufsetzen“.

 

Der Slam-Poet appelliert in einfacher und schnell zugänglicher Sprache an sein Publikum, Raum zu suchen für etwas Muße und neue Ideen – „verbringen wir Zeit miteinander“, „lasst uns doch etwas Nähe wagen“, ruft er seinen Lesern entgegen. Seine romantischen Botschaften sind ebenso unverstellt und klar wie seine politischen, tagesaktuellen Forderungen. Voller Ironie („Was die Mehrheit macht, ist immer vernünftig“) und mit unbändiger Energie schleudert uns der Autor seine Thesen entgegen: Auf „Fünf vor“ stehe die Uhr unserer Gesellschaft. Für Olympia werden „Straßen und Hotels erbaut/ die danach niemand mehr braucht“. Das olympische Feuer sollte in die Slums von Rio getragen werden. Wir feierten „70 Jahre Frieden in Europa“, leben im „Google-Land“ und freuen uns darüber, dass wir keine Grenzen mehr sehen. Dabei gebe es die Grenze „zwischen oben und unten“. Ein wenig Rebellion wagt er: „Machen wir noch heute mobil, keiner soll nur zusehen!“ Die Armut müsse unser neues Feindbild sein, gegen das in die Schlacht gezogen werden sollte. Es könne doch niemand seine Augen verschließen: „würde es nicht überall brodeln, wäre schon seltsam“.

 

Seltsam mutet zunächst auch die auffällig unvollkommene Form der Gedichte an. Unreine Reime sind in die Verse gestreut. Diese sowie ungewöhnliche Satzstellungen, Einschübe und Ausrufe ohne Angst vor vulgären Ausdrücken („Hör auf klugzuscheißen!“) erklären sich vornehmlich über den notwendigen Rhythmus der Verse. Bastian Geiken schreibt Gedichte für die Bühne. Es sind musikalische Gedichte, deren Klaviatur vom langsamen Blues bis zum aggressiven Rap reicht. Leicht sind die Bezüge zur aktuellen deutschsprachigen Musik zu erkennen – von Peter Fox bis Philipp Poisel. Der „Stadtaffe“ von Peter Fox findet sogar Erwähnung im Gedichtband. Diese Gedichte bedürfen des Vortrags, in dem sich die Musikalität erst vollends erschließt und die mangelhafte Oberflächenästhetik vom Schauspiel überdeckt wird. Es kann sogar behauptet werden: Die Form orientiert sich am Vortrag! Deswegen erregen die Gedichte zwangsweise Lust auf den nächsten Auftritt von Geiken, der seit Jahren unermüdlich unterwegs ist und seine Texte auf Poetry-Slams vorträgt.

 

Die Lust am Lesen hingegen wird auch von der unharmonischen Typografie des Bandes geschmälert. Eng stehen die Gedichte beieinander, nur zwei leere Zeilen werden dem Sprung zum nächsten Gedicht zugestanden. Kein Platz wird vergeudet. Sogar kurz vor dem Ende einer Seite beginnt ein neues Gedicht, sodass der Text mitten in der Strophe auf die nächste Seite umbricht. Solche Einschnitte mitten in der inneren Einheit erwecken den Eindruck, dass das Ziel des Drucks war, möglichst viele Texte (109!) in einen engen Raum zu pressen. Wegen des viel zu kleinen Bundstegs sind die Gedichte nur ohne Anstrengung zu lesen, wenn man die Buchseiten beim Lesen kräftig auseinanderpresst. Ohne das Buch zu knicken, können die Zeilen der Gedichte nicht komplett gelesen werden.

 

Bastian Geiken wäre gut beraten gewesen, die Anzahl der Texte einzugrenzen. Da sich die Themen ohnehin wiederholen, ohne wesentlich neue Aspekte anzusprechen, hätte eine mutige Auswahl den Eindruck eines Repetitionsverfahrens verhindert. Und auch wenn die spontane und kreative Atmosphäre eines Poetry-Slams kaum in einem Gedichtband nachvollzogen werden kann: Sommer hat gelogen verdeutlicht immerhin, wie die moderne Lyrik der Poetry-Slammer die Kluft zwischen Poesie und Popmusik zu schließen vermag.

 
   

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